Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage
Aufnahmefeier am 10. Dezember 2025 am Gymnasium Bammental


Seit Monaten bereitet sich die Schulgemeinschaft des Gymnasiums Bammental darauf vor, ins Netzwerk „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“ aufgenommen zu werden. Am Mittwoch, 10. Dezember, wurde dieser wichtige Schritt vollzogen. Weit über 100 Gäste aus der Schulgemeinschaft und darüber hinaus versammelten sich im Erdgeschoss der Schule, um ein vielfältiges Programm zu erleben und ein buntes Buffet zu genießen. Im Arbeitskreis „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“ sind rund 30 Lehrkräfte, Schülervertreter und Elternvertreter engagiert. In den vergangenen Monaten brachten sie sich vielfältig ein die wichtige Thematik, beteiligten sich an Workshops, organisierten eine Informationskampagne und eine Abstimmung, ob die Schulgemeinschaft die Teilnahme aktiv unterstützt. Rund 90 Prozent der Befragten (alle Schülerinnen und Schüler, das gesamte Kollegium) hatten im Vorfeld ihre grundsätzliche Zustimmung signalisiert.


Die Lehrerinnen Anna Kesternich und Miriam Winterbauer leiten den Arbeitskreis mit viel Umsicht und legen großen Wert darauf, einen hohen Grad an Beteiligung zu erreichen. Am 10. Dezember nutzten sie die große Bühne nicht für sich selbst, sondern ließen vor allem engagierten Schülerinnen und Schülern den Vortritt. Jonathan Rees, Yun-A Simon, Linnea Fortner übernahmen gekonnt die Moderation. Die Veranstaltung begann mit einem Flashmob, den Christine Zischka mit Unterstufenschülerinnen und -schülern vorbereitet hatte. Finja Budig und Laurina Kouadio trugen zur Einstimmung Poetry SlamTexte vor, die im Zusammenhang zweier Workshops mit den Paten Toni L. und Anuraj Sri Rajarajendran entstanden waren. Später folgten weitere Texte von Sarah Dopf, Simon Edelkraut, Linnea Fortner, Jette Galla, Lea Grimm und Eva Grüne. Unter ihnen befinden sich auch Schülerinnen und Schüler der Stufen 5 und 6.


Laurina Kouadio („Warum?“)

Immer wieder dasselbe

Lügen über andere, Lügen über mich

wie kann es so sein jeden Tag

und immer wieder schreie und heule ich

allein

nur ich

bin immer allein

nur weil ich keine

blonden Haare hellen Augen habe

nur sie dürfen so sein wie sie sind

die Sorgen quälen mich

und die anderen, die stehen da und machen

nichts


In einer eindrucksvollen Begrüßungsrede stellte Schülersprecher Jonathan Rees die Zielsetzung des Programms „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“ vor. Es gehe, so betonte er, nicht um die Feier von Erreichtem, sondern um einen Auftrag an die ganze Schulgemeinschaft, sich gegen jede Form von Diskriminierung im Alltag zu engagieren. Yun-A Simon und Linnea Fortner konkretisierten das Anliegen durch anschauliche Beispiele.


Simon Edelkraut („Die Einöde“)

Die Klasse und der eine

sie beleidigen ihn

verbreiten Lügen

er rückt ab

die Einöde

dunkel

unendlich

kein Krümel

von Dämonen erfüllt

die angreifen

ihn anschreien

die anderen: stumm

wie Steine

tun nichts

glauben die Lügen

er stolpert nach Hause

in Ozean-Traurigkeit

im Hinterkopf

Beleidigungen


Schulleiter Dr. Benedikt Mancini dankte dem Arbeitskreis und allen Programmbeteiligten. Er führte aus, dass er ursprünglich eine explizite Teilnahme an einem Programm, das sich gegen Rassismus wendet, für überflüssig gehalten habe, da das entsprechende Engagement eigentlich selbstverständlich sei. Aber leider habe sich die Stimmung in der Gesellschaft geändert und leider sei es auch in der Schule zu besorgniserregenden Ereignissen gekommen. Daher sei er dankbar für das große Engagement, das sich in der Schüler-, Lehrer- und Elternschaft zeige.

Ein hohes Maß an Selbstständigkeit zeigten nicht nur die SMV-Vertreterinnen und -Vertreter, sondern auch die Schulband. Bandleiterin Theresa Holder hatte ihre Schülerinnen und Schüler so gut vorbereitet, dass sie sich ganz ohne Lehrerunterstützung präsentierten: Paul Arnold, Mateo Moreira Da Silva, Edna Nedolisa, Tosca Pozzani, Yun-A Simon, Levi Winterbauer und Philipp Zimmermann. Von technischer Seite leistete die Veranstaltungstechnik-AG hilfreichen Support für den Bandauftritt und für die gesamte Veranstaltung.

An den vielbejubelten Auftritt der Schulband schlossen sich Interviews mit den Schulpaten Toni L. und Anuraj Sri Rajarajendran an. Toni L. hat die weltbekannte Heidelberger Hip Hop-Szene wesentlich mitgeprägt und dazu beigetragen, dass der Heidelberger Hip Hop durch die UNESCO als immaterielles Kulturerbe der Menschheit anerkannt worden ist. Anuraj Sri Rajarajendran wurde 2024 zu Deutschlands bestem Poetry Slamer gekürt. Beide berichteten von persönlichen Erfahrungen mit Diskriminierungen und wie es ihnen gelungen ist, Sorgen, Wut und Ängste kreativ umzuformen durch künstlerische Ausdrucksformen in Hip Hop und Poetry Slam. Beide trugen auch eigene Texte vor.


Toni L. (Auszug aus „Sind wir Gäste“)

Die kleine schreiende Minderheit gibt nie Ruhe

und die feige schweigende Mehrheit sieht zu.

Schockiert über das, was geschehen ist,

ein weiteres Opfer, ein weiteres Begräbnis.

Die Schlagzeile reduziert sich auf Skinheads,

was eins unserer Augen mal wieder blind lässt.

Wir glauben, unser Zustand ist hellwach,

können alles sehen in unserer Spaßgesellschaft.

Denn zur Überheblichkeit ist der Weg nicht weit.

Für jedes Thema steht bereits ein Klischee bereit.

Oberflächliches ist leicht Verständliches.

Wissen kostet Zeit, so bleibt es Nebensächliches.

In jedem wohnen zig Millionen Informationen,

Interpretationen von Situationen.

Doch sage mir, aus welchen Quellen stammen sie?

Vorurteile manipulieren unsere Gedanken, wie?

Schöne materielle Dinge, alles Strategie.

Wir versacken in Etappen und tappen in die Falle,

die uns immer wieder gestellt wird, merken kaum,

dass die Welt stirbt, weil jeder nach Geld giert.

Deswegen muss ich verletzt gegen mich selbst kämpfen,

 möchte ich dem Rest der Welt helfen.


Anuraj Sri Rajarajendran („Manchmal vergesse ich, wie ich aussehe“, Auszug)

Es hat angefangen mit Passwörtern, dann waren es Geburtstage und in letzter Zeit vergesse ich extrem oft, wie ich aussehe und darüber habe ich einen Text geschrieben und damit ich diesen Text nicht vergesse, habe ich ein Buch geschrieben, was Straßenlichter heißt und man online eintauschen kann gegen Geld und der Text heißt, „Manchmal vergesse ich, wie ich aussehe“: Der Wecker klingelt um acht, ich werde nicht wach, doch muss aufsteh‘n. Fertig machen, Kaffee schnappen, rausgehen. Die Sonne scheint, Kopfhörer weinen und audtrehen. Doch auf meinem Laufweg tippt mich jemand von der Seite an. Ich muss sie wieder rausnehmen und er fragt: Spielst du Basketball? Ich denk‘ mir: Warte mal! Was für eine komische Frage, und sag‘ nein. Doch dann fällt mir wieder ein, wie ich aussehe. Hi, ich bin Anuraj und manchmal vergesse ich, wie ich ausseh‘. […] Danach beim Arzt sag‘ ich, dass ich noch ‘ne Krankmeldung brauch‘. Und nach einem kurzen Plausch sagt er laut: ‚Sie können aber sehr gut Deutsch‘ Und ich antworte drauf: ‚Danke, Sie aber auch.‘ Und er schaut, als wäre ich drauf, doch nach ‘ner Weile fällt mir auf, wie ich ausseh‘. Versteht mich nicht falsch, ich denk‘ nur, manchmal werde ich meinem Aussehen nicht gerecht. Ich hatte noch nie ‘ne Schlägerei und Stress. Und wenn ich in echt mal Shots verteile, dann allerhöchstens auf ‘nem Tablett. Denn ich bin kein asozialer Rapper wie Kollegah der Boss. Und wenn ich OG lese, denk‘ ich nicht an Original Gangster, sondern eher an Obergeschoss. Ich bin nicht aufgewachsen auf der Straße, ich verticke keinen Koks oder Hase. Die einzige Straße, die meine Kindheit geprägt hat, war die Sesamstraße. Ich fahre keinen Lambo oder Maybach. Meine Heimat ist eine Kleinstadt. Und mein Freundeskreis ist weißer als der CSU-Parteitag. […] Am Abend habe ich ein Date in einem Restaurant, die Dame ist blond mit ganz langen Haaren. Sie hat‘s mir wirklich angetan, wir reden gerade über Parmesan, als sie fragt: ‚Wieso werden wir den ganzen Abend angestarrt?‘ Ich sag‘: ‚Kein Plan‘, doch dann werde ich euphorisch, vielleicht sind wir ja bei Verstehen Sie Spaß? Also halte ich Ausschau nach ‘nem schlechtgetanen C-Promi, dessen Namen keiner kennt, aber man hat ihn schon mal im Tatort gesehen, und wart‘ gespannt auf den Streich. Doch dann fällt mir wieder ein, wie ich ausseh‘. Sie streichelt meinen Arm ganz zart und fragt: ‚Stimmt es denn, was man über schwarze Männer so sagt?‘ Gut, dass du fragst, ich kann nicht für alle sprechen, aber mein Vater war da. {Ich kann selbst nicht glauben, dass ich den Witz gerade in der Schule gemacht habe. […]} Sie lacht und sagt: ‚Ihr wird‘s grad zu bequem‘, ich fand es eigentlich ganz angenehm, doch sie nimmt mich an der Hand und will, dass wir tanzen gehen Und dann überkommt mich die Angst extrem, was, wenn ich nicht tanzen kann, doch dann fällt mir zum Glück wieder ein, wie ich ausseh‘. […]


Auch die Texte der Schülerinnen und Schüler, die in Workshops oder in der AG Kreatives Schreiben (Carsten Müller-Donhuijsen) entstanden sind, griffen das Thema Alltagsdiskrimierung in vielfältiger Weise auf und zeigten dadurch, wie verwoben die Bereiche Kommunikation, Empathie, Selbstbild, Fremdbild u. a. sind und wieviel all dies mit Diskriminierung zu tun haben kann.


Sarah Dopf („Sie sagen …“)

Ich glaube, jeder trägt Geschichten mit sich, die keiner kennt.

Gedanken, die keiner hören darf, Lügen, die keiner entlarven darf.

Und immer beginnen sie mit „Sie sagen“

Sie sagen, ich müsste mich nur mehr anstrengen,

doch sie wissen nicht, wie es ist,

jeden Tag am Rand eines Abgrunds zu stehen,

kurz davor zu fallen und zu fallen und zu fallen,

doch keiner bemerkt es. Sie sagen, Schule sei leicht,

doch sie wissen nicht, wie es ist,

wenn alles, was man tut, bewertet wird,

wenn Zahlen zu Feinden werden,

Freunde zu Gegnern und dein Spiegelbild zu Hass.

Sie sagen, ich lache zu viel,

doch sie wissen nicht, dass jedes Lachen nur eine Maske ist,

die ich aufsetze, bevor ich das Haus verlasse,

dass ich damit versuche, mein Leben zu übertönen.

Sie sagen, ich weine zu viel,

doch sie wissen nicht,

dass ich im selben Moment wie du

in die Sterne sah und an dich dachte.

Dass mein Schutzschild verloren ging

und ich weiß, jetzt brauche ich eine Anleitung für Leben.

Sie sagen, ich sei nur ein naives Kind,

doch sie wissen nicht,

dass ich mehr durchschaue, als sie denken,

die mitleidigen Gesichter, das zerbrochene Vertrauen,

als ich nach Hilfe fragte und einfach überhört wurde.

Sie sagen, ich sei erwachsen, selbstständig,

bereit, alles zu schaffen,

doch sie wissen nicht,

dass ich noch das Kind von damals bin,

das zu groß träumt und zu weit fühlt

und immer noch nach einer Hand sucht.

Sie sagen, ich sei so stark,

doch sie wissen nicht,

dass meine Beine zittern,

wenn ich vor Leuten reden muss,

dass alle ein Drehbuch haben,

wissen, was zu tun ist.

Nur ich, der Statist in meinem eigenen Leben bin.

Sie sagen, ich sei so schwach,

doch sie sehen nicht,

wie ich jeden Tag aufstehe,

wie ich Dinge auf mich nehme,

die sie gar nicht sehen.

Erinnerungen, Schicksale,

die an ihrer Geschichte anders sind als an meiner.

Sie sagen, sie wüssten, wer ich wirklich bin,

doch die Wahrheit ist,

ich weiß es selber gar nicht,

dass ich vielleicht eine Unbekannte für Fremde bin,

eine Tochter einer Mutter,

die Schülerin für eine Lehrerin,

eine Freundin für meine Freunde,

eine Nervensäge für meine Geschwister,

ein Kind für einen Erwachsenen,

ein Erwachsener für ein Kind

und einfach ein Mensch auf dieser Welt.

So viel mehr – was niemand zu sehen scheint,

zu wissen braucht oder verstehen soll.

Denn das Einzige, was ich glaube seit heute:

Ich bin mehr, ist die Meinung der Leute.


Die Aktionstanzgruppe „Steps to World Peace“ zeigte eine Performance zum Thema Ausgrenzung und Integration. Diese Gruppe ist eine Initiative, die 2023 aus dem Juniorjugendprogramm in Gauangelloch im Rahmen des Ferienprogramms der Stadt Leimen entstanden ist. Das Anliegen der Tänzerinnen und Tänzer, die zwischen 12 und 22 Jahre alt sind, ist es, soziale Probleme und Herausforderungen in unserer Gesellschaft (z.B. Rassismus und Diskriminierung, die Extreme zwischen Armut und Reichtum, Alkohol- und Drogenmissbrauch, Gruppenzwang, Gewalt und Missbrauch, Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern etc.) durch Tanztheater darzustellen und Lösungsansätze anzubieten. Dafür tanzen die Jugendlichen nicht nur, sondern setzen sich auch intensiv mit den behandelten Themen auseinander und gehen mit ihrem Publikum anschließend ins Gespräch.


Herr Andreas Haiß, Landeskoordinator des Netzwerks „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“ würdigte die vielfältigen inhaltlichen Beiträge und erläuterte, wie das Netzwerk entstanden ist und wie es sich entwickelt hat. Dabei war es ihm ein besonderes Anliegen, zu betonen, dass der Begriff „Rassismus“ nicht zu eng gefasst werden dürfe bzw. dass es im Programm darum gehe, Diskriminierung jeder Art zu begegnen. Herr Haiß überreichte der Schulgemeinschaft Schild und Urkunde, womit die Schule offiziell ins Netzwerk aufgenommen ist.


Nach weiteren Schülerbeiträgen und Bandauftritt versammelten sich alle um das reichhaltige Buffet, das von Elternseite gespendet worden war. Anna Dalgleish, Josephine Dalgleish, Hanna Dopp und Sara Haffner koordinierten das Catering meisterhaft. Der Austausch in der Gemeinschaft der Anwesenden dauerte noch lange und wurde intensiv geführt.


Zum Hintergrund

Das Programm „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“ ist das größte Schulnetzwerk Deutschlands, dem aktuell über 4.800 Schulen mit mehr als 2,5 Millionen Schülern angehören. Das Projekt ist kein Gütesiegel, das einmalig verliehen wird, sondern eine Selbstverpflichtung für die Gegenwart und Zukunft. Schülerinnen und Schüler sowie Lehrkräfte gestalten das Schulklima aktiv mit, indem sie sich bewusst gegen jede Form von Diskriminierung, Mobbing und Gewalt (nicht nur „Rassismus“) wenden. Jede Schule wählt mindestens eine Person des öffentlichen Lebens (aus Politik, Sport, Kultur etc.) als Paten zur Unterstützung. Die Initiative „Ecoles sans Racisme“ wurde 1988 von Schülerinnen und Schülern sowie Lehrkräften in Belgien gegründet als Reaktion auf das Erstarken der rechtsextremen Partei „Vlaams Blok“. Der Verein Aktion Courage e. V. brachte die Idee 1995 nach Deutschland. Sanem Kleff leitet das Projekt seit Beginn und ist heute Direktorin der Bundeskoordination. Ursprünglich hieß das Projekt nur „Schule ohne Rassismus“. Später wurde der Zusatz „Schule mit Courage“ ergänzt, um zu betonen, dass es nicht nur um die Ablehnung von Rassismus, sondern um das aktive Eintreten für Mitmenschlichkeit und gegen Diskriminierung jeder Art (z. B. Homophobie, Sexismus, Antisemitismus) geht. Im Jahr 2025 feiert das Netzwerk sein 30-jähriges Jubiläum in Deutschland. Heute wird das Netzwerk von einer Bundeskoordination in Berlin sowie zahlreichen Landes- und Regionalkoordinationen gesteuert, die die Schulen bei ihrer Arbeit unterstützen. Weitere Informationen: https://www.schule-ohne-rassismus.org/netzwerk